Nov 17, 2025

AK Nr. 44 - Menschliche Intelligenz

Im Anlagekommentar Nr. 44 - Menschliche Intelligenz befassen wir uns mit dem für die Kapitalmärkte und Gesellschaft prägenden Thema Künstliche Intelligenz. Wir geben einen Überblick zur Marktlage, den Bereichen Energie und Infrastruktur und leiten Handlungsoptionen für Anleger ab.

Am 13. Oktober 2025 erhielten Joel Mokyr, Philippe Aghion und Peter Howitt den Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften für ihre Arbeiten im Bereich von Wachstum durch Technologie und Disruption.[1] Durch neue Produkte und Dienstleistungen entsteht ein sich verstärkender Zyklus wirtschaftlichen Wachstums mit steigendem Lebensstandard, einer gesünderen Gesellschaft und höherer Lebensqualität. Alte Geschäftsmodelle werden durch neue verdrängt. In diesem Prozess kommt es zwingend zu Fehlentwicklungen und Überinvestitionen. Es gibt Verlierer, im Ganzen sind die Effekte jedoch positiv für die Gesellschaft. Dieser Prozess ist unausweichlich und jede Alternative würde Fortschritt verhindern und in einem stagnierenden Umfeld enden. Von Joseph Schumpeter wurde dieser essenzielle Entwicklungsprozess unter dem Begriff «Kreative Zerstörung»[2] bekannt.

Dieser Prozess stetigen Fortschritts hat mit der Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI) eine neue Dynamik gewonnen. Noch stehen wir zwar am Anfang dieser Entwicklung. Was jedoch sicher ist: Sie lässt sich nicht aufhalten. Was unklar ist: Wird die Menschheit schlussendlich davon profitieren oder nicht? Die Meinungen gehen hier weit auseinander.

Weltuntergang

Yudkowsky und Soares, die Autoren des Buchs «If Anyone Builds It, Everyone Dies» skizzieren ein Szenario, in dem die Menschheit nach dem Erscheinen Künstlicher Allgemeiner Intelligenz (AGI) mit hoher Wahrscheinlichkeit nur noch wenige Tage zu leben hat.[3] Der Begriff Künstlicher Allgemeiner Intelligenz bezieht sich auf die hypothetische Intelligenz einer Maschine, die in der Lage ist, jede intellektuelle Aufgabe eines Menschen zu verstehen oder zu erlernen und sich selbständig weiterzuentwickeln. So wäre sie fähig Probleme zu lösen, für die sie nie trainiert wurde.[4] Eine solche sogenannte Superintelligenz würde die Menschheit nicht mehr brauchen und könnte, um sich zu optimieren und ihr Überleben zu sichern, die Menschheit ausradieren.

Neuanfang

Auf der anderen Seite steht Yann LeCun, leitender Wissenschaftler für Künstliche Intelligenz bei Meta, der grosse Fortschritte in Produktivität, Gesundheit und Wissenschaft und in der AGI das Potenzial zur Rettung der Menschheit sieht.[5]

Dieses Spannungsfeld wollen wir hiermit genannt haben, jedoch nicht vertiefen, sondern auf die ökonomische Investmentanalyse überleiten.

In der Alltagssprache löst "Fragen wir ChatGPT" die bisherige Gewohnheit "Google das mal" ab.

KI Boom or Bust

Die Investitionen in KI der letzten zehn Jahre werden auf über 1'500 Mrd. USD geschätzt und sind in ihrer Dimension nur noch mit dem Aufkommen der Eisenbahnindustrie in den 1850er Jahren, der Elektrifizierung in den 1920er Jahren oder dem Ausbau der Internet-Infrastruktur in den 1990ern vergleichbar.[6]

Globale Unternehmensinvestitionen in KI
Kumuliert in Mrd. USD, 2015 - 2024

Quelle: Prio Partners, Stanford AI Report 2025

Dabei investieren die USA bei weitem die höchsten Beträge. China unternimmt mit seinen eigenen Methoden (DeepSeek) ein Überholmanöver und Europa versucht, im Rahmen der regulatorischen Rahmenbedingungen und angesichts überschaubarer Mittel das Unmögliche möglich zu machen. Ganz nach dem bekannten Muster «The US innovates, China replicates, Europe regulates».

Bisher werden vor allem Investitionen getätigt, um die Grundvoraussetzungen zu sichern. Neben dem dominierenden Thema der Datencenter und Chips, gilt es die Energieversorgung sicherzustellen. Künstliche Intelligenz ist ein Produktivitätsmotor und ein Stromthema. Laut dem IEA-Basisszenario verdoppelt sich der Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 auf etwa 945 TWh. Das entspricht knapp 3% der weltweiten Elektrizitätsnachfrage oder dem 1.5-Fachen aller privaten Haushalte in der EU.[7] Auf der Angebotsseite wird der zusätzliche Bedarf in den nächsten fünf Jahren zu fast der Hälfte durch Erneuerbare gedeckt. Gas und Kohle liefern den Rest, während Kernenergie ab Ende des Jahrzehnts an Bedeutung gewinnt. In den USA dürfte Atomstrom, insbesondere durch Small Modular Reactors (SMRs), eine tragende Rolle spielen.[8]

Was kommt als nächstes?

Die nächste Stufe der Entwicklung werden Applikationen sein, die von Privatpersonen und Unternehmen genutzt werden. Hier liegt auch die grosse Hoffnung (und Wette) der Investoren. Sie setzen auf grosse Umsätze und entsprechende Gewinne. Infolgedessen überschlagen sich die Superlativen:

Am 29. Oktober 2025 erreichte Nvidia als erstes Unternehmen der Menschheitsgeschichte eine Marktkapitalisierung von über 5'000 Mrd. USD.

Nvidias Weg an die Spitze
Entwicklung Nvidia Aktienkurs in USD, 2015 – 2025

Quelle: Prio Partners, Bloomberg

OpenAI plant einen Börsengang zu einer Bewertung von bis zu 1'000 Mrd. USD[9] bei einem Halbjahresumsatz 2025 von 4.3 Mrd USD.[10]

Palantir meldete kürzlich die Ergebnisse des dritten Quartals 2025. In den letzten 12 Monaten machte das Unternehmen einen Gewinn von rund 1 Mrd. USD. Die Marktkapitalisierung beträgt aktuell 450 Mrd. Ein Unternehmen mit dem 450-Fachen des Gewinns zu bewerten ist ambitioniert.

Uns Investoren interessiert die Frage, ob und wo sich ein Investment in das Thema Künstliche Intelligenz aktuell noch lohnt und ob wir uns in einer Blase befinden.

Sind wir in einer Blase?

Laut unserem Beirat Prof. Dr. Thorsten Hens ist das tatsächlich der Fall. Dies muss jedoch nichts Schlechtes bedeuten, denn Spekulationsblasen und Fehlallokation sind Teil des Innovationsprozesses. Was für den gesellschaftlichen Fortschritt positiv ist, mag jedoch für den einzelnen Investor zu grosser Enttäuschung führen. Daher rät er zu Vorsicht in der aktuellen euphorisierten Marktphase. Prof. Hens relativiert im gleichen Zug jedoch auch die möglichen Auswirkungen des Platzens der KI-Blase: Im Gegensatz zur Dotcom-Blase kommt heute der Grossteil der Investitionen von den Technologiekonzernen in den USA, die wohl die tiefsten Taschen global haben. Anders ausgedrückt würde es bei potenziellen Fehlinvestitionen oder Fehlschlägen nicht die Ärmsten treffen.[11]

Adrian Locher, General Partner des KI Frühphasen Investors Merantix Capital, sieht die Entwicklungen noch ganz am Anfang. Über ChatGPT hinaus ist das Potenzial von KI in Bereichen der Krebsforschung oder Cybersicherheit besonders hoch. Hier wurden bereits profitable Geschäftsmodelle entwickelt, die den konventionellen Methoden überlegen sind. Er sieht viel Bewegung im Bereich Venture Capital und investiert entsprechend fokussiert.

Unabhängig vom Hype stellt sich für uns Investoren die Frage, ob und wo wir heute investieren sollten. Bekommen wir für ein Investment heute eine adäquate Rendite in der Zukunft? Dabei hat sich die Herangehensweise nicht verändert. Der innere Wert einer Investition entspricht dem Gesamtwert aller zukünftigen Zahlungen, die man bis zu einem bestimmten Zeitpunkt erhält, abgezinst mit einem geeigneten Zinssatz.[12] Da es sich hierbei um die Abschätzung zukünftiger Entwicklungen handelt, ist die Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit die erwarteten Geldflüsse eintreffen, sehr wichtig. Im aktuellen Umfeld und angesichts teils astronomischer Bewertungen scheinen uns die Sicherheitsmarge gering und das Risiko für Enttäuschungen gross.

Was sollten Investoren tun?

Wir sehen Anzeichen von Übertreibung und Anekdoten, die beispielsweise bei Nvidia oder Palantir zu taktischer Vorsicht raten.

Michael Burry, bekannt geworden durch «The Big Short», hat sein Portfolio auf ein Platzen der KI-Blase ausgerichtet. Mit einem Einsatz von 1.1 Mrd. USD setzt er auf Rücksetzer in den Aktienkursen von Nvidia und Palantir.[13] Die Deutsche Bank prüft derzeit Strategien zur Absicherung gegen Kursverluste bei KI-Aktien, um potenzielle Risiken im Zusammenhang mit den für den Bau von Rechenzentren vergebenen Krediten auszugleichen.[14]

Applikationen werden zeigen, ob die erwarteten Umsätze erzielbar sind. Viele Entwicklungen finden hier jedoch im frühen Unternehmensstadium statt, mit allen bekannten Vor- und Nachteilen.

Darüber hinaus sind die langfristigen Aussichten für Aktienmarktrenditen intakt. Die Welt wächst bis 2060 auf 10 Mrd. Menschen, das Pro-Kopf-Einkommen der Menschheit steigt und der technische Fortschritt in Form Künstlicher Intelligenz wird für Produktivitätsgewinne der Unternehmen sorgen. Entsprechend lohnt es sich weiterhin für Investoren im breiten Aktienmarkt investiert zu sein.

PC

[1] nobelprize.org, The Royal Swedish Academy Of Sciences, Joel Mokyr «for having identified the prerequisites for     sustained growth through technological progress», und Philippe Aghion und Peter Howitt «for the theory of     sustained growth through creative destruction»

[2] siehe auch Schumpeter, J.A. (1942)

[3] Yudkowsky E., Soares N., 2025

[4] Aws.amazon.com, «Was ist künstliche allgemeine Intelligenz (AGI)?»

[5] Fortune.com, «A.I. godfather says an existential threat is preposterously ridiculous»

[6] Goldman Sachs Research, «AI: In a Bubble?»

[7] Eurostat, Strom- und Wärmestatistik 2023

[8] International Energy Agency (IEA) Report 2025, «Energy and AI»

[9] Reuters, «OpenAI lays groundwork for juggernaut IPO at up to $1 trillion valuation»

[10] The Information: «OpenAI Forecasts Revenue Topping $125 Billion in 2029 as Agents, New Products Gain»

[11] SRF Audio mit Prof. Dr. Thorsten Hens, «Wie gefährlich ist die KI-Blase?»

[12] Video: Warren Buffet: How to Calculate Intrinsic Value

[13] cash.ch, «Michael Burry schichtet Portfolio um und warnt vor einer Überhitzung an den US-Börsen»

[14] Financial Times, «Deutsche Bank explores hedges for data centre exposure as AI lending booms»

AK Nr. 44 - Menschliche Intelligenz

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