May 20, 2026

AK Nr. 47 - Standortbestimmung

Stellen Sie sich vor, Sie hätten in den letzten Monaten Medien Detox gemacht: keine Weltuntergangsmeldungen, keine Negativschlagzeilen und kein Eurovision Song Contest. Gelegentlich schauen Sie in das Portfolio des Vermögensverwalters Ihres Vertrauens und auch dort sieht es gut aus. Dann erfahren Sie, dass die USA und Israel den Iran angegriffen haben und die Strasse von Hormus seit Wochen geschlossen ist.

Erstaunt kratzen Sie sich am Kopf und wundern sich, dass die Welt sich weiterdreht. Zu Recht fragen Sie sich: Wie kann das sein? Müsste die Welt nicht in Panik sein? Die Wertschöpfungsketten der globalisierten Welt nachhaltig gestört? Benzin rationiert? Die Märkte im tiefen Fall? Wir haben zwar keinen Medien Detox eingelegt, doch die aufgeworfenen Fragen sind berechtigt. Entsprechend wollen wir mit einer kurzen Standortbestimmung Ordnung in die Marktentwicklungen der letzten Monate bringen und einen Ausblick wagen.

Das Offensichtliche

Dass ein Angriff auf den Iran und die Schliessung der Strasse von Hormus zu höheren Öl- und Energiepreisen führen würden, ist offensichtlich. Der Anstieg um +50% seit Anfang März ist bedeutend.

Steigende Energiekosten
Entwicklung Ölpreis in USD/Barrel, seit Jahresbeginn

Quelle: Prio Partners, Bloomberg

Da Energie ein wichtiger Inputfaktor für Produktionskosten und somit auch Inflationsraten ist, lässt sich ein Anstieg der kurzfristigen Inflationserwartungen beobachten. Ganz real ist der Anstieg zudem für Autofahrer und Transportunternehmen und trifft die unteren Einkommensschichten am härtesten.

Steigende kurzfristige Inflationserwartungen
1-jähriger Inflationsswap Eurozone, in %, seit Jahresbeginn

Quelle: Prio Partners, Bloomberg

Als Folge höherer Inflationserwartungen sind steigende Zinsen zu beobachten. So bieten 10-jährige US-Staatsanleihen wieder mehr als 4.5% Zins. In Deutschland stiegen die Renditen von 10-jährigen Bundesanleihen auf 3.1%. In der Schweiz verdoppelten sich die Renditen auf über 0.5%.

Steigende Renditen
Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen in %, seit Jahresbeginn

Quelle: Prio Partners, Bloomberg

Die Aktienmärkte brachen nach dem Angriff der USA um 10% ein, erholten sich jedoch rasch. Ein solches Muster liegt aus unserer Sicht im Rahmen der Erfahrungen aus früheren Konflikten und ist deshalb auch wenig überraschend.[1] Auffallend ist, dass sich der US-Markt besser erholt und die europäischen Märkte nach anfänglichen Rückständen deutlich hinter sich gelassen hat. Überraschend ist die überdurchschnittliche Kursentwicklung der Entwicklungsländer.

Entwicklung der Hauptmärkte
Rendite globaler Märkte, seit Jahresbeginn, indexiert in CHF

Quelle: Prio Partners, Bloomberg

Das weniger Offensichtliche

Investoren hatten angenommen, dass ein US-Iran Krieg die Unsicherheit in der Welt erhöht und den Goldkurs weiter in die Höhe treibt. Das Gegenteil war der Fall. Seit dem 28.02.2026 fiel der Goldpreis um -11%.

Glanzlos
Entwicklung Goldpreis in USD/Unze, seit Jahresbeginn

Quelle: Prio Partners, Bloomberg

Wir sehen Gold jedoch weiterhin als wichtigen Portfoliobaustein. Die hohen Verschuldungsgrade, potenzielle Verwerfungen im Private Credit Bereich[2] und die langfristig strukturelle Entwertung von Geld sind Argumente, Gold als Portfoliobeimischung zu halten. Die Ausrichtung auf ein langfristig sinnvolles Gewicht von 10% sehen wir als angebracht an.[3]

Wenn wir den Aktienmarkt genauer betrachten, ist ein Blick auf Sektorebene immer hilfreich. Der obenauf schwingende Energiesektor ist wenig überraschend. Hier stellt sich die Frage der zukünftigen Entwicklung. Bleibt Energie teuer, da ein geopolitischer Aufschlag bezahlt werden muss? Oder wird nach der Öffnung der Strasse von Hormus zukünftig Energie noch billiger und die Kurse der Energieunternehmen sinken wieder? Gegensätzlich zum Energiesektor ist der Gesundheits-sektor seit Jahresanfang der am wenigsten gesuchte.

Sektorentwicklung
MSCI World Sektoren, seit Jahresbeginn, indexiert in USD

Quelle: Prio Partners, Bloomberg

Daneben fällt der IT-Sektor positiv auf, der vor allem seit Ende März zu einem eindrücklichen Kursspurt angesetzt hat. Hier lohnt sich ein differenzierter Blick auf Subsektoren. Die von uns im letzten AK Nr. 46 - «Wand aus Sorgen» aufgezeigte Diskrepanz in der Kursentwicklung von klassischen Software-Unternehmen und der KI-Infrastruktur-Welt hat sich nochmals akzeleriert.

KI auf Steroiden
Halbleiter Index und S&P Software Index, seit 2025, in USD

Quelle: Prio Partners, Bloomberg

Unternehmen, die im Bereich der Künstlichen Intelligenz tätig sind und u. a. die Infrastruktur hierfür zur Verfügung stellen, boomen. Allein die vier Unternehmen Amazon, Microsoft, Alphabet und Meta annoncierten ein kombiniertes Investitionsvolumen für 2026 von rund 700 Mrd.[4] Enorme Beträge. Experten sprechen davon, dass die Token Explosion erst am Anfang steht. Mit Token ist die Einheit gemeint, welche ein KI-Sprachmodell verwendet, um Text zu lesen oder auszugeben. 100 Tokens entsprechen ca. 75 Wörtern.[5] Der gesamte von Menschen generierte Text, mit dem KI-Modelle trainiert werden können, wird auf rund 300'000 Mrd. Tokens geschätzt.[6] Zusätzlich verbraucht die laufende Nutzung Tokens und steigert somit die Nachfrage nach Rechenleistung. Die exponentiell steigende Verarbeitung und Ausgabe von Text durch KI, steht nach Meinung von Experten erst am Anfang. Entsprechend sind Unternehmen gefragt, die im Bereich der KI-Infrastruktur führend sind.

KI Wertschöpfungskette
Die wichtigsten Unternehmen in der KI-Wertschöpfung

Quelle: Prio Partners

Der KI-Boom treibt nicht nur die Technologiewerte, sondern zunehmend auch die Energie- und Infrastrukturmärkte. KI-Rechenzentren verbrauchen bereits über 4% des US-Stroms; bis 2030 dürfte sich dieser Anteil verdoppeln bis verdreifachen.[7]

Schlagzeilen machten kürzlich die KI-Rechenzentren «Colossus 1» und «Colossus 2», die von SpaceX/xAI betrieben werden. Colossus 1 umfasst über 220’000 Nvidia-Chips und rund 300 Megawatt Rechenleistung. Kürzlich schloss xAI einen milliardenschweren Deal mit Anthropic ab. Der Vertrag soll rund USD 5 Mrd. pro Jahr wert sein und zählt damit zu den grössten KI-Infrastrukturdeals überhaupt.[8] Parallel baut Musk bereits Colossus 2, ein Rechenzentrum der nächsten Generation. Dieses soll langfristig über 550’000 Nvidia-Chips verfügen und mehr als ein Gigawatt Leistung erreichen.

Auch an den Kapitalmärkten bleibt KI das dominante Thema: OpenAI (aktuelle Bewertung von USD 852 Mrd.[9]) und Anthropic (USD 350 Mrd.[10]) bereiten sich auf Börsengänge vor.
Bemerkenswert ist die Entwicklung bei Alphabet: Vor einem Jahr als möglicher KI-Verlierer betrachtet, verzeichnete Alphabet innert zwölf Monaten einen Anstieg der Marktkapitalisierung um rund 160%. Ein wesentlicher Treiber war jedoch nicht das operative Geschäft, sondern die Neubewertung der Beteiligung an Anthropic. Alphabet hält rund 14% an Anthropic; nahezu die Hälfte des Rekordgewinns im ersten Quartal 2026 stammte aus dieser Neubewertung.[11]
Auch positionieren sich prominente Investoren neu: Bill Ackman hat über Pershing Square eine Microsoft-Position von rund USD 2 Mrd. aufgebaut und setzt damit auf die zentrale Rolle des Konzerns im KI-Ökosystem rund um Azure und die OpenAI-Partnerschaft.[12]

Das zukünftig Offensichtliche

Die Märkte denken voraus und erwarten eine baldige Beilegung des US-Iran Konflikts. Jede Bericht-erstattung, die diese Erwartung unterstützt, führt zu Kursfeuerwerken, insbesondere im leicht depressiven Europa. Mit einer Beilegung des Konflikts könnten alte Marktmuster wieder in den Vordergrund rücken. Tendenziell sinkende Inflationserwartungen und gute globale Wirtschaftsdaten. Entsprechend könnte eine sinnvolle Portfolioaufstellung eine Triage sein:

• Technologieunternehmen mit Fokus auf KI und KI-Infrastruktur
• Globale Marktabdeckung, um das Wachstum der Welt mit einzufangen
• Positionierung in Titeln mit Aufholpotenzial vor allem auch in der Schweiz und Europa

Trotz aller Probleme scheint die Weltwirtschaft agiler und robuster zu sein als man denkt. Gleiches gilt für die Kapitalmärkte.

PC

[1] Brune, Amelie und Hens, The War Puzzle: Contradictory Effects of International Conflicts on Stock Markets

[2] Financial Times, 12. März 2026

[3] Hens & Amstein, Gold für den langfristigen Vermögensaufbau: Eine finanzwissenschaftliche Analyse

[4] Geschäftsberichte Amazon, Microsoft, Alphabet, Meta

[5] OpenAI Help Center

[6] Epoch AI Blog

[7] American Public Power Association

[8] Wall Street Journal

[9] OpenAI Pressemitteilung 31. März 2026

[10] Reuters, Februar 2026

[11] Fortune, IEEE ComSoc Technology Blog

[12] Pershing Square Holdings - Investor Updates

AK Nr. 47 - Standortbestimmung

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